Gesellschaft
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Die schutzlose Generation

Titelbild Das Recht auf Zuneigung

Diese Woche dreht sich im sehr hörenswerten „Mutterskuchen“-Podcast von @aluberlin und @fraumierau alles um die UN-Kinderrechte. Auf ihrem Blog „Große Köpfe“ ruft Alu zu einer Blogparade auf. Was denken (Eltern)Blogger über die Kinderrechte? Welche Rechte sind in ihren Augen besonders wichtig, welche fehlen?

Ehrlich gesagt war mir bis zum Podcast gar nicht bewusst, dass es neben den allgemeinen Menschenrechten noch gesondert verankerte Kinderrechte gibt.

Die UN-Kinderrechtskonvention wurde 1989 ins Leben gerufen und seither von allen Ländern dieser Erde (außer USA und Südsudan) unterzeichnet. Deutschland übernahm ab 1992 die Kinderrechte in seine nationale Gesetzgebung.

Die Kinderrechtskonvention beinhaltet im Wesentlichen 10 Punkte: Unter anderem das Recht auf Gleichbehandlung, den Schutz vor Diskriminierung, das Recht auf Gesundheit, Bildung, Freizeit und Erholung, Information und Teilhabe sowie den Anspruch auf gewaltfreie Erziehung, elterliche Fürsorge und ein sicheres Zuhause.(1)

Alles Dinge, die heutige Eltern mit einem gewissen Bildungshintergrund und Erziehungsanspruch wohl zu 100% unterschreiben würden und versuchen, täglich umzusetzen.

Beim Überfliegen der einzelnen Punkte musste ich jedoch nicht an mich und meine Kinder denken. Sondern an meine Eltern und Großeltern, die noch nicht in den Genuss dieser Rechte kamen. Mir fielen spontan viele ihrer Berichte zu Kindheitserlebnissen ein, bei denen ihre Kinderrechte eklatant verletzt wurden.

Das Recht auf gewaltfreie Erziehung

Meine Eltern, beide Mitte der 1950er Jahre geboren und in Westdeutschland aufgewachsen, haben mir oft davon berichtet, dass sie in der Grundschule bei angeblichem Fehlverhalten vom Lehrer mit dem Rohrstock auf die Finger geschlagen wurden. Am gefürchtesten waren wohl die Hiebe des örtlichen Pfarrers im Religionsunterricht, der, so meine Mutter, am härtesten zuschlug und seine Freude daran unverhohlen zur Schau stellte.

Die Prügelstrafe, welche Lehrern zur „Aufrechterhaltung der Schulzucht“ gestattet war, wurde in Westdeutschland erst ab den 1970er Jahren abgeschafft, in Bayern sogar erst 1983.

Zuhause waren die Umstände nicht besser: Bis zum Jahr 2000 billigte der Staat den Eltern per Gesetz zu, ihre Kinder in angemessenem Umfang körperlich zu züchtigen.(2) Ohrfeigen und Co. waren probate Mittel der Erziehung, schlimmere Gewaltanwendungen mit sichtbaren körperlichen Verletzungen kamen in vielen Familien durchaus vor.

Das Recht auf Gleichbehandlung

Heutige Eltern haben den Anspruch an sich, alle ihre Kinder gleich zu behandeln. Unsere Eltern und Großeltern sind dagegen noch mit einer klassischen Familienhierarchie aufgewachsen. Gerade im ländlichen Raum nahm der männliche Erstgeborene, der offizielle Erbe von Haus und Hof, den wichtigsten Platz unter den Geschwistern ein, gefolgt von seinen jüngeren Brüdern. Erst danach kamen die Mädchen, gleich welchen Alters.

Meine beiden Großmütter äußerten Zeit ihres Lebens die Meinung, dass Töchter weniger wert seien als Söhne. Mit diesem Mantra wuchsen sie selbst auf und gaben es an ihre eigenen Kinder weiter. Und das nicht irgendwann um 1900, sondern parallel zur Frauenrechtsbewegung der 1960er und 1970er Jahre. Man stelle sich das heute vor: Die Mutter, die damit ihrer Tochter zu verstehen gibt, weniger erwünscht zu sein als ihr Bruder.

Beim Recht auf Bildung und Ausbildung wurde ebenfalls mit zweierlei Maß gemessen: Die Töchter brauchten doch kein Abitur oder Studium, so der Tenor, auch wenn sie dazu die geistige Befähigung gehabt hätten. Sie heirateten ja sowieso irgendwann und müssten sich um ihren Nachwuchs kümmern.

Auch wenn sie es sich vielleicht nicht eingestehen wollen, sind meine Eltern beide durch die ihnen zugewiesene Position in ihrer Herkunftsfamilie geprägt worden. Mit den erlebten Ungerechtigkeiten kämpfen sie heute noch mehr oder weniger, ganz zu schweigen von den gestörten Beziehungen zu den eigenen Eltern und Geschwistern.

Das Recht auf elterliche Fürsorge

Meine Großmutter erwähnte einmal beiläufig, dass sie als Kind von ihren Eltern nie in den Arm genommen worden sei. Sie habe in ihrer Erinnerung dennoch eine glückliche Kindheit gehabt.

So frohgemut meine Oma das erzählte, so traurig machte es mich. Keine körperliche Nähe in der Kindheit. Man muss kein Erziehungswissenschaftler oder Psychologe sein, um zu ahnen, wie sich das auf das Beziehungs- und Bindungsverhalten im weiteren Leben auswirkt.

Nüchtern betrachtet sind meine Urgroßeltern ihrer elterlichen Fürsorgepflicht nachgekommen: Das Kind war angemessen eingekleidet, sauber und satt. Aber nach heutigen Maßstäben haben sie sich einer emotionalen Vernachlässigung schuldig gemacht.

Ja, die Zeiten waren damals andere. Johanna Haarers Nazi-Bestseller „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von 1934 war das Standardwerk über Kindererziehung. Darin befanden sich solch zweifelhafte Empfehlungen wie Babys tagsüber und nachts in einem schalldichten Raum schreien zu lassen (kräftigt die Lungen!) oder das Kind keinesfalls mit Liebkosungen zu verzärteln, da man sich andernfalls einen Diktator (sic!) heranzöge.

Leider wurden diese fatalen Erziehungsratschläge nach dem Ende des Nationalsozialismus weiter verbreitet: Nachdem das „deutsche“ im Titel gestrichen und einiges braune Gedankengut entfernt worden war, wurde das Buch weitere 40 Jahre bis 1987 aufgelegt. Und auch gelesen und beherzigt.

Sehr interessant hierzu ist das Interview „Erziehung vererbt sich“ mit der Historikerin Miriam Gebhardt im Magazin Nido. Sie weist darauf hin, dass nicht nur die Kinder der Nazi-Zeit unter dem Einfluss der Schwarzen Pädagogik litten, sondern dass die damals aufgestellten Grundsätze bewusst oder unbewusst auf die eigenen Kinder, Enkel und sogar Urenkel übertragen wurden.

Welche Mutter oder welcher Vater von heute hat nicht schon einmal den Ratschlag bekommen, nicht sofort auf jeden kleinsten Mucks des eigenen Säuglings zu achten, man verwöhne ihn sonst zu sehr?

Das Recht auf ein sicheres Zuhause

Ausgebombt, vertrieben, eventuell den Tod von Eltern oder Geschwistern miterlebt – ein stabiles Umfeld zählte nicht zu den Dingen, die die zwischen 1930 und 1945 Geborenen in ihrer Kindheit aufweisen konnten. Eine Aufarbeitung fand nicht statt, überleben und sich arrangieren, hieß das Programm. Die Tugend der Stunde war, sich und seine Probleme nicht zu ernst zu nehmen. So wurden die eigenen Gefühle für Jahrzehnte begraben.(3)

Wer sich selbst nicht mehr wahrnimmt, kann auch keine Empathie für andere aufbringen. Die Kinder der Kriegskinder, die in den 1960er und 1970er Jahren geborenen Kriegsenkel, berichten vielfach von einem Gefühl der Kälte, das bei ihnen zu Hause geherrscht habe. Die traumatisierten Eltern wollten das Beste für ihr Kind, konnten ihm aber keinen emotionalen Halt geben.(4)

Nachsicht mit den eigenen Eltern und Großeltern

Warum zähle ich all das hier auf? Zum einen, um uns bewusst zu machen, wie dankbar wir sein können, in unserer heutigen Zeit leben zu dürfen, in denen Kinderrechte ein schützenswertes Gut sind.

Zum anderen, um aufzuzeigen, dass die negativen Kindheitserlebnisse unserer Eltern und Großeltern nicht abgeschlossen sind, sondern ihr gesamtes Leben geprägt haben – und damit auch unseres und das unserer Kinder, ob wir das wollen oder nicht.

Wer selbst als Kind geschlagen wurde, befürwortet eher den „kleinen erzieherischen Klaps“ bei seinen eigenen Kindern. Eine Mutter ohne höhere Bildung, die nur ein Hausfrauendasein gefristet hat, wird weniger Verständnis dafür haben, warum die Tochter – womöglich noch in Vollzeit – arbeiten möchte und ihr Kind in Krippenbetreuung gibt. Wer sich als Kleinkind in den Schlaf schreien musste, wird nicht verstehen, warum heutige Eltern prompt auf das Weinen ihres Kindes reagieren. Ihnen habe es ja auch nicht geschadet. Oder doch?

Wir sollten Nachsicht mit den beiden vorangegangenen Generationen haben. Und lächeln, wenn sie vor der Generation von verwöhnten Weicheiern warnen, die mit uns Helikopter-Eltern derzeit groß werden.

Die Zukunft wird zeigen, ob wir heutigen Eltern mit unserem bindungsorientierten Erziehungskonzept richtig gefahren sind – unsere Kinder und Enkelkinder werden ganz gewiss eines Tages über uns urteilen.

Für mich klingt es jedenfalls schlüssig, dass Kinder, deren Rechte geachtet wurden und die allzeit Liebe und Zuneigung erfahren haben, zu empathischen, sozialen, selbstsicheren Menschen heranwachsen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen können.

In Erinnerung an meine Großmutter, die sich Zeit ihres Lebens gewünscht hatte, als Journalistin zu arbeiten – und es aufgrund ihres weiblichen Geschlechts und der Umstände der damaligen Zeit niemals verwirklichen konnte. Oma, heutzutage hättest du zumindest ein Blog und einen Twitter-Account!

Quellen:

1) Wikipedia-Artikel „UN-Kinderrechtskonvention“
2) Wikipedia-Artikel „Körperstrafe“
3) Zeit-Artikel „Die Unfähigkeit zu vertrauen“ vom 5. Oktober 2014
4) Wikipedia-Artikel „Die vergessene Generation“ zum Buch „Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“ von Sabine Bode aus dem Jahr 2004

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Kategorie: Gesellschaft

von

Catharina (35), Mutter von Sohn (5) und Tochter (2), schreibt ein mal kontroverses, mal alltägliches Familienblog aus Frankfurt am Main.

7 Kommentare

  1. Zwischen damals und heute liegen (zum Glück!) Welten. Nicht nur in der Kindererziehung/ den Kinderrechten das zeigt auch deine Widmung. Wir sollten nie vergessen wie lang der Weg bis hier war und nicht aus den Augen verlieren was noch zu tun ist.
    Sehr schön geschrieben. Vielen Dank!

    Liebe Grüße Sarah

    • Danke, Julia! Und danke für die Verlinkung auf deinen Artikel zu #wirsindallefreigeboren (ist jetzt auch der richtige Link :-)).

  2. Pingback: "Die Verunsicherung ist groß" - Kleine Böcke Blog

  3. Catharina,
    ich denke in sehr vielen Familien (auch in meiner) lebt nicht nur eine evtl. „Schwarze Pädagogik“ nach, sondern vor allem auch Kriegserlebnisse. Die Generation, die diese hautnah erlebte ist ja nicht unbedingt die Generation, die darüber sprach, bzw. diese aufarbeitete. Für die Kinder und Enkelkinder ist es daher vermutlich nicht einfach sich diese bewusst zu machen, da wir gar nicht wissen, was alles erlebt wurde.

    Immerhin hat sich die Schule wieder etwas gebessert im Vergleich zu damals. Wobei? Braucht eine staatliche Schule wirklich noch jemand?

    Viele Grüße
    Martin

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